Auf dem Kamm unterwegs – Eine Reise im Chin-Staat in Myanmar

Der Chin-Staat in Myanmar wurde erst vor ein paar Jahren für Ausländer ohne Sondergenehmigung geöffnet. Die burmesische Regierung erhoffte sich damals einen Zuwachs an Öko-Touristen in der Region. Eine Reise in eines der unerschlossensten Gebiete Südostasiens.

Mit Bäumen bewachsene Berge, die sich erstrecken, soweit das Auge reicht; bunte Holzhäuser, die sich am Rande der Straße zum Abgrund hinauslehnen; das grüne Wasser des Manipur, der zwischen den Bergen fließt: Bislang haben die wenigsten ausländischen Touristen diese Schönheit gesehen. Erst seit drei Jahren darf man als Tourist ohne Sondergenehmigung durch den Chin-Staat in Myanmar fahren – nur Gebiete außerhalb der Städte und zwei Bezirke bleiben noch nicht frei zugänglich.

Die Chin Hills

Die Chin Hills

Die Reise nach Falam, der ehemaligen Hauptstadt des Chin, fällt allerdings nicht leicht. Fünf Stunden Autofahrt vom nächstgelegenen Flughafen in Kalaymyo auf gewundenen Straßen, die sich teilweise auf dem Kamm von ein- bis zweitausend Meter hohen Bergen schlängeln. Der Weg durch das ärmste Land Myanmars ist unbequem und sogar beängstigend – etwa dann, wenn man bei einer engen, nicht-asphaltierten Kurve ohne Leitplanken auf einen entgegenkommenden LKW trifft. „Vor wenigen Jahren hat die Regierung ein Straßenupgrade durchgeführt“ erzählt Rih Thawng*, ein kleiner Mann mit rundem, freundlichem Gesicht, der gelegentlich als Reiseleiter für eine religiöse Organisation arbeitet, „davor war es viel schlimmer, viel gefährlicher“. Er selbst sei vor Jahren bei einem schweren Autounfall auf dieser Straße verletzt worden, seine Frau sei dabei verstorben. Die Arbeiten scheinen allerdings noch im Gange zu sein; die Straße ist an manchen Stelle noch nicht betoniert und am Straßenrand trifft man gelegentlich auf ArbeiterInnen mit Strohhüten und Halstüchern ums Gesicht, die sich damit vor Sonne und Asphaltdunst schützen.

Kind auf dem Weg nach Falam

Kind auf dem Weg nach Falam

Doch die Reise hat ihren Reiz: die ersten Sonnenstrahlen, die früh am Morgen die Wolkendecke durchdringen und vernebelte Täler beleuchten; die sanften Farben von Häusern und Himmel in der Ferne, bieten ein Spektakel, das einem alle Müdigkeit vergessen lässt.
Die Regierung erhoffe sich einen Zuwachs an Touristen – besonders Öko-Touristen – angesichts des Reichtums an unberührter Natur und kultureller Vielfalt, verkündeten Minister in den Medien kurz nach Abschaffung der Sondergenehmigung für größtenteils der Region. Touristische Infrastrukturen sollten entwickelt werden, Kurse zu Tourismus und Hotellerie organisiert.

Sonnenaufgang über Sagaing

Sonnenaufgang über Sagaing

In Myanmar ist die Besucherzahl in den letzten Jahren stets gestiegen. Infrastruktureller Mangel, politische Instabilität und interreligiöse Gewaltausbrüche erschweren jedoch den Touristenboom. Jahre lang gab es auch im Chin bewaffnete Konflikte zwischen burmesischem Militär und Kämpfern der Chin National Army, die mehr Autonomie für die Region verlangten. Erst 2012 wurde ein Waffenstillstand unterzeichnet. Obwohl Diskriminierungen gegenüber der vorwiegend christlichen Bevölkerung noch registriert werden, ist die politische Lage viel ruhiger geworden. Lwan, ein junger Mann, der in Falam geboren und aufgewachsen ist und mein Reiseleiter sein wird, versichert: „Wir leben jetzt in Frieden. Hier sind keine Konflikte mehr.“. „Auch unter den verschiedenen Religionen herrscht hier Frieden“, fügt Ling hinzu, eine Freundin mit langen, dunklen Haaren, die sich uns für eine Stadttour anschließt. „Die meisten hier sind Christen. Es gibt auch einige Buddhisten, Hindus, Muslime – aber sehr wenige. Aber wir haben keine Probleme miteinander hier“.
Tatsächlich wirkt Falam wie eine ruhige, gelassene kleine Stadt, deren bunte Häuser aus Holz und Zement auf einem Berghang in ca. 1700 Meter Höhe gestaffelt sind. In der Mitte thront die Baptistische Kirche. Es gibt auch einen Schönheitssalon und ein Fotostudio – in einer Holzhütte. Man habe sogar versucht, eine Art Kino aufzumachen, aber es habe nicht lange überlebt, denn die Leute, die es sich leisten können, würden lieber zuhause fernsehen, erzählen meine Kontakte.

Fotostudio in Falam

Fotostudio in Falam

Um die Stadt herum sind nur grüne Berge und Täler. Die Serpentinen, die Falam bis zur Hügelspitze durchkreuzen, sind manchmal so steil und kurvig, dass das Moped, auf dem wir fahren, fast zum Stehen kommt. Die Straßen seien besonders in der Regenzeit ein Problem: „Es gibt Wochen, in denen es täglich regnet, und die Straßen werden matschig, oder rutschig. Ich hasse die Regenzeit“, seufzt Ling. Die Verkehrswege auf den Bergen seien in der gesamten Region nicht nur für Menschen, sondern auch für den Handel ein Problem: Exporte würden dadurch verhindert. „Selbst wenn Bauer mehr produzieren würden, könnten sie es nicht verkaufen“, erklärt Lwan. Dann zeigt er vom Gipfel des Hügels auf eine Fläche, die sich anscheinend im Aufbau befindet. „Das wird ein neuer Flughafen“, erklärt er. Vielleicht könnte dadurch ein neuer Impuls für Tourismus und Handel entstehen. „Das wäre gut“, sagt er lächelnd.
Die Armut größtenteils der Bevölkerung ist ein brennendes Problem, und Jugendliche haben es im Chin nicht einfach. Mai Veronica Ni Siang Par, Mitgründerin der Organisation „Falam Youth“, erklärt: „Die Hauptprobleme hier sind schlechte Verkehrs- und Kommunikationsmittel, die unsere wirtschaftliche Entwicklung hindern. Die Leute können sich dann kaum eine gute Ausbildung oder Gesundheitsversorgung leisten. Die meisten Jugendlichen ziehen einfach weg.“.

Der Markt in Falam

Der Markt in Falam

Die Region blieb lange vom Rest der Welt getrennt. Das ist für den Tourismus gleichzeitig Hinderung und potentielle Stärke, denn im Gegensatz zu bekannten, von Touristen überfüllten Orten, stellt der Chin das unberührte Gesicht Myanmars dar. Als Fremder wird man oft von Einheimischen angelächelt; die, die Englisch sprechen, sind neugierig zu wissen, woher man kommt und wie man die Region findet. In einem so abgelegenen Ort scheint die Gemeinschaft eine wichtige Rolle zu spielen, genauso wie die Religion. „Bist du Christin?“ ist eine der ersten Fragen, die Einheimische mich stellen. Die Tatsache, dass ich nicht praktiziere, scheint sie jedoch nicht zu stören.

Lailun

Lailun

Wer hierher fährt, muss sich allerdings auf einfachere Verhältnisse gefasst machen. Das Wasser zum Duschen erwärmt man per Wasserkocher, Stromausfälle sind keine Seltenheit. Trotz Regierungsankündigungen über Tourismus-Entwicklungspläne finden Ausländer an vielen Orten nur schwer Übernachtungsmöglichkeiten; Gebiete außerhalb der Städte und zwei Bezirke bleiben noch nicht frei zugänglich. Touristen werden außerdem strenger kontrolliert: die Mitarbeiterin der Pension schien irritiert, weil ich Namen und Telefonnummer meines privaten Fahrers nicht notiert hatte – sie fürchtete Probleme mit der Polizei.
Aktuell gibt es in Falam zwei Gasthäuser für Ausländer; allzu groß ist der Bedarf noch nicht. Das Ministerium für Tourismus meldet allerdings, dass 1256 Touristen 2014 den Chin besucht haben – immerhin fast doppelt so viele wie im Jahr 2012. Reiseagenturen bieten auch Touren an, vor allem zum Natma Taung National Park und den Chin-Frauen mit tätowierten Gesichtern im Süden.

Falam (2)

Falam (2)

Zehn Kilometer von Falam entfernt befindet sich Lailun, das in der Volksmythologie als erste Ansiedlung im Chin gilt. Man läuft zwischen Anbauflächen und Weinbergen zu einem Hügel, auf den man klettern kann. Unten befindet sich eine Höhle.
Der Weg auf steinigem Grund ist schroff, aber Ling, in enger Jeans und Flipflops, geht leichtfüßig hinauf. Auf den Bergen um uns herum, zwischen Wäldern und kleineren Dörfern, könnte man vielleicht Wandertouren organisieren, wie es schon im Shan-Staat erfolgreich gemacht wurde. Zuerst sollten allerdings die Reiseeinschränkungen für Touristen komplett aufgehoben und die Infrastrukturen verbessert werden.

Holzhütte auf dem Weg nach Falam

Holzhütte auf dem Weg nach Falam

Auf der Spitze des Hügels sehen wir die Reste eines Feuerlagers. „Hierher kommen abends manchmal Jugendliche“, erklärt Ling. Eine Art sozialer Treffpunkt für junge Menschen, weit weg von allem. Vielleicht, irgendwann, werden sie nicht mehr so alleine hier stehen.

Hier einer Übersicht aller Fotos der Reise:

 

Serena Bilanceri

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